Liebe

Eleonore von Österreich (um 1433–1480): Pontus und Sidonia

Der Prosaroman liegt in drei Fassungen vor, wobei nur Fassung A aufgrund der Vorrede Eleonore von Österreich als Autorin zugeschrieben wird. Der Roman überzeugt durch sprachliche Präzision, klaren Stil und konsequente Handlungskonstruktion. Er erzählt die Geschichte des idealen Ritters Pontus, der durch die Heiden sein christliches Königreich Galicia verliert. Am Hof des Königs von Klein Britania gewinnt er die Liebe der Königstochter Sidonia. Nach diversen Prüfungen kommt es zur Eheschließung mit Sidonia, zur Rückeroberung seines Landes von den Heiden und der Machtübernahme in Klein Britania. Vorlage ist der frz. Text Ponthus et la belle Sidoyne, eine wahrscheinlich von Geoffrey de la Tour Landry Ende des 14. Jhd. verfasste Prosabearbeitung der anglonormannischen Chanson de geste von Horn et Rimenhild (um 1180). (Pia Selmayr)

Erscheinungsjahr: 1483 bei Hans Schönsperger in Augsburg gedruckt (Fassung A); bis ins 18. Jhd. immer wieder neu aufgelegt

Begriff: (weibliche) Autorschaft, Übersetzung, Chanson de geste, Ehe, Familie, Französisch, Kampf gegen Andersgläubige, Liebe, Prosa, Prosaepos, Religion, Ritterroman

Chantal-Fleur de Sandjon (*1984): Die Sonne so strahlend und Schwarz

Versroman aus der Ich-Perspektive der afrodeutschen Jugendlichen Nova, die mit ihrer Mutter und ihrem Halbbruder vor dem gewalttätigen Stiefvater flüchtet und aufgrund ihrer Hautfarbe sowie der gleichgeschlechtlichen Liebe zur Hip-Hop-Tänzerin Akoua vielfach Diskriminierung erfährt. Kreative Sprach- und Formspiele veranschaulichen die komplexe Gefühlswelt der Protagonistin im Rahmen der lyrischen Textabschnitte. (Sarah Thiery)

Erscheinungsjahr: 2022

Begriff: Adoleszenz, Freundschaft, Gender, häusliche Gewalt, Liebe, Rassismus, Versroman

August Heinrich Julius Lafontaine (1758–1831): Clara du Plessis und Clairant: Eine Familiengeschichte französischer Emigrierten

Dieser Briefroman thematisiert die französische Emigration am Ende des 18. Jahrhunderts. Im Zentrum der Handlung steht die Liebesgeschichte zwischen Clara und Clairant, zwei Liebende, die durch die Revolution getrennt wurden. Die junge Adlige Clara, die mit ihrem Vater nach Koblenz flieht, vermittelt in ihren Briefen einen Einblick in das Leben französischer Emigrantenkreise im deutschsprachigen Raum, während Clairant die politischen und sozialen Konflikte in Frankreich aus seiner Perspektive schildert. (Larissa de Assumpҫão)

Erscheinungsjahr: 1794

Begriff: Briefroman, Emigration, Empfindsamkeit, Französische Revolution, Geschichte, Liebe

Elsbeth von Oye (um 1290−1340): Offenbarungen

Die „Offenbarungen“ der Dominikanerin Elsbeth von Oye sind als (selbst)zensiertes Autograph erhalten. Später wurde der Text für das „Ötenbacher Schwesternbuch“ bearbeitet. Im Mittelpunkt steht exorbitante Selbstkasteiung, die Gott der Mystikerin in Auditionen abverlangt und die sie mehrfach hinterfragt, ohne sich davon zu befreien. (Beatrice Trînca)

Begriff: (weibliche) Autorschaft, Dialog, Frauenmystik, Gott, Liebe, Mehrautorenschaft, Offenbarungsliteratur, Religion, Schmerz

Adelheid Reinbold (1800–1839): Irrwisch-Fritze. Idyll-Novelle

Von der Forschung als ‚erste deutschsprachige Dorfgeschichte‘ apostrophiert, verhandelt der im norddeutschen Bauernmilieu spielende Text die Liebe des armen Waisen Fritz und der Bauerstochter Lieschen, die gegen ihren Willen einen reichen Bäcker aus der Stadt heiraten soll. Lieschens Geschichte wird als Fortsetzung einer intergenerationellen Ohnmachtserfahrung gerahmt. Der emanzipatorisch-patriarchatskritische Plot ist angereichert mit phantastisch-magischen Figuren und Motiven, die dem niederdeutschen Volksglauben entstammen. (Jakob Christoph Heller)

Erscheinungsjahr: 1839

Begriff: Adoleszenz, Bauernmilieu, Dorfgeschichte, Geschlechterrollen, Gesellschaftskritik, kryptonyme Autorschaft, Liebe, Okkultismus, Patriarchat, phantastische Literatur, Vormärz/Biedermeier

Adelheid Reinbold (1800–1839): Die Gesellschaft auf dem Lande

Zyklus von vier Schauergeschichten (Emilie de Vergy, Die Kette, Der Doppelgänger, Bagatelle), die sich Vertreter:innen verschiedener Stände bei einem Landaufenthalt erzählen. Reinbold verhandelt in den Novellen Standeskonflikte und heteronormative Geschlechterverhältnissen, oftmals in intersektionaler Verschränkung. Patriarchale Gewalt in Partnerschaft und Ehe klingen in vielen der Novellen an oder sind sogar zentrales Thema. Die schauerliterarischen Motive figurieren – etwa in Die Kette – weibliche Rachephantasien. Die Rahmengespräche nutzt der Text für Verweise auf politische Konflikte des Vormärz. (Jakob Christoph Heller)

Erscheinungsjahr: 1836

Begriff: Ehe, Eifersucht, Emanzipation, Geschlechterrollen, Gesellschaftskritik, Gewalt, Kindsmord, kryptonyme Autorschaft, Liebe, Misogynie, Novellistik, Okkultismus, Romantikrezeption, Schauerliteratur, Sexualität, Vormärz/Biedermeier

Semra Ertan (1957–1982): Mein Name ist Ausländer. Benim Adım Yabancı

Die posthum erschienene Sammlung umfasst Gedichte Semra Ertans – eine türkische Arbeitsmigrantin, die zu Lebzeiten nur wenige Texte veröffentlichte – sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch sowie weitere Dokumente (Briefe, Fotografien). Zentral sind u.a. Themen der Ausgrenzung und des Rassismus, aber auch der Identität, gegenseitigen aktivistischen Unterstützung und Freundschaft. Der Band, dessen Titel auf Ertans gleichnamiges, wohl berühmtestes Gedicht von 1981 verweist, stößt ein Nachdenken über Gleichberechtigung und den Prozess des Othering an. (Alexander Pappe)

Erscheinungsjahr: 1976–1982 (verfasst); 2020 (Erstpublikation)

Begriff: Aktivismus, Arbeitsmigrant*innen, Ausgrenzung, Freundschaft, gesellschaftliche Teilhabe, Gleichberechtigung, Identität, Liebe, Migration, Rassismus, Sichtbarkeit, Zugehörigkeit

Caroline Auguste Fischer (geb. Venturini, 1764–1842): Prinz Kanzedir

Das romantische Kunstmärchen erzählt von der Liebe des Prinzen Kanzedir für die vergebene Abenza. Besonders handlungslenkend ist hierbei die Fee Panagathe, die das Verhalten Kanzedirs als engstirnig offenbart. Das Werk thematisiert Schlaf und Traum als Quellen für Erkenntnis und Schaffenskraft, während es weiterhin etablierte Motive wie den Pygmalion-Mythos untergräbt. (Mathilda Herr)

Erscheinungsjahr: 1802

Begriff: Geschlechterrollen, Liebe, Märchen, Romantik

Sophie Tieck (verh. u. gesch. Bernhardi, verh. von Knorring, 1775–1833): Julie Saint Albain

Polyperspektivischer Briefroman, der empfindsame Topoi unter romantischen Vorzeichen aktualisiert. Die Entwicklung der titelgebenden Zentralfigur – die von empfindsamer Tugendhaftigkeit zu ehebrecherischer Liebe und nach etlichen Verwicklungen zurück in die Ehe führt – erkundet ein neues Liebeskonzept, in dem die hohe Bedeutung des Gefühls nicht mehr an Tugendforderungen geknüpft, sondern psychologisch motiviert wird. Befragt werden in der Vorstellung ganz unterschiedlicher weiblicher Lebensentwürfe tradierte Auffassungen von Liebe, Ehe, Familie und Bildung. Formal interessant ist die Verknüpfung der Briefform mit auktorial erzählten und dialogischen Einschüben. (Luisa Banki)

Erscheinungsjahr: 1801 anonym; Neuedition 2011

Begriff: Briefroman, Ehe, Ehebruch, Empfindsamkeit, Liebe, Romantik

Sophie Tieck (verh. u. gesch. Bernhardi, verh. von Knorring, 1775–1833): Flore und Blanscheflur

Bei dem epischen Gedicht handelt es sich um eine romantische Adaption eines mittelhochdeutschen Epos aus dem 13. Jahrhundert. Die zwölf Gesänge erzählen intertextuell durchsetzt die Liebesgeschichte zweier Königskinder und wagen sich formal und inhaltlich in zeitgenössisch männlich belegte Sphären der Kunstlyrik und Kunsttheorie vor. (Mathilda Herr)

Erscheinungsjahr: 1822 (unter Sophie Bernhardi)

Begriff: Adaption, Liebe, Lyrik, Mittelalter, Romantik, Versepos

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