Nationalsozialismus

Susanne Kerckhoff (1918–1950): Berliner Briefe (1948)

Der (halbfiktive) Briefroman umfasst insgesamt 13 Briefe der fiktiven Schreibinstanz Helene. Sie sind Bekenntnis, Auseinandersetzung und Konfrontation mit der Schuldfrage und der deutschen Gesellschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Briefe „irgendeine Berlinerin“ die sich bemüht, „innerhalb der gegebenen Situation über das politische Woher und Wohin Rechenschaft abzulegen“ (Vorbemerkung) sind an den fiktiven Adressaten Hans, einen jüdischen Freund im Exil, gerichtet. Dessen Perspektive bleibt ausgespart, die 13 Briefe sind monoperspektivisch angelegt. (Lena Bührichen)

Erscheinungsjahr: 1948

Begriff: Besatzungszonen, Briefroman, Nachkriegszeit, Nationalsozialismus, Reeducation/Umerziehung, Schulddebatte, Wiedergutmachung

Irmgard Keun (1905–1982): D-Zug dritter Klasse

Der am wenigsten beachtete Exil-Roman Keuns lässt in einem Nachtzug sieben Figuren aufeinandertreffen und erzählt nacheinander deren sich kreuzende Lebenswege. Der Text reflektiert zentral Rollenbilder und -Klischees. Dargestellt werden die mit Weiblichkeit verbundenen Zwänge und Möglichkeiten, diesen durch Täuschung (Lügen, Finten) zu entkommen. Dem gegenüber steht die durch Alkohol verstärkte Gewalt toxischer Männlichkeit und deren fatale Folgen. Düstere Kulisse der Handlung ist die politische Realität in Nazi-Deutschland. (Sebastian Schönbeck)

Erscheinungsjahr: 1938

Begriff: Alkohol, Exil, Gewalt, Männlichkeit, Nationalsozialismus, Rollenbilder, Weiblichkeit

Sharon Dodua Otoo (*1972): Adas Raum

Roman, der vier Ada-Figuren aus dem vorkolonialen Ghana, aus London im 19. Jahrhundert (mit der historischen Figur Ada Lovelace), dem KZ Mittel-Bau Dora sowie dem gegenwärtigen Berlin in „Schleifen” miteinander verbindet. Ein sprechendes Wesen (einmal Besen, Türknauf oder Pass) sorgt für Kontinuität und Bruch zugleich. Im Zentrum stehen Ausbeutung, historisches Erbe, Tod und mit einer angekündigten Geburt: die Zukunft. (Martina Wernli)

Erscheinungsjahr: 2021

Begriff: Geburt, Hunger, Kolonialismus, KZ, Mathematik, Nationalsozialismus, Rassismus, Roman, Tod

Gisela Elsner (1937–1992): Fliegeralarm

Elsners satirisch-grotesker Roman handelt von einer Gruppe von Kindern während des Zweiten Weltkriegs, die die nationalsozialistische Ideologie in teilweise grausamen Spielen aufgreifen. Der Roman verbindet die Thematik der Bombenangriffe auf deutsche Städte mit einem radikal-kritischen Fokus auf die ideologische Verfasstheit der Mehrheit der Bevölkerung. Er steht quer zu Tendenzen eines einseitigen Opfernarrativs im Gedächtnis an den Bombenkrieg in Deutschland und verknüpft die Darstellung von Militarismus, Führerkult, Rassismus und Antisemitismus mit kapitalismuskritischen Elementen. (Kathrin Schödel)

Erscheinungsjahr: 1989

Begriff: 2. Weltkrieg, Antisemitismus, Groteske, Kapitalismuskritik, Nationalsozialismus, Rassismus, Roman, Satire

Gabriele Tergit (Pseudonym für Elise Reifenberg, geb. Elise Hirschmann, 1894–1982): Effingers

Familienroman, der anhand des Schicksals dreier Familien von 1878 bis 1948 den Aufstieg und dann die Verfolgung und Vernichtung des jüdischen Bürgertums nachzeichnet. Im Fokus stehen das Verhältnis des assimilierten jüdischen Berliner Bürgertums zu Deutschland sowie der im Kaiserreich und der Weimarer Republik tief verankerte Antisemitismus. Mit einer Vielzahl von Figuren und dialogreichen Szenen zeichnet sich der an Tergits journalistischem Schreiben geschulte Roman durch seine Beobachtungsfülle und besondere Lebendigkeit aus. (Luisa Banki)

Erscheinungsjahr: 1951

Begriff: Antisemitismus, Bürgertum, Dialog, Ehe, Familie, Familienroman, Judentum, Kaiserreich, Nationalsozialismus, Pseudonym, Roman, Weimarer Republik

Anna Seghers (Pseudonym für Netty Reiling, 1900–1983): Die Toten bleiben jung

Dieser realistisch erzählte, exemplarische verdichtete Epochenroman, ein gesellschaftlicher Querschnitt durch die deutsche Zeitgeschichte von 1918 bis 1945, handelt vom Aufstieg des Nationalsozialismus und dem erfolglosen Widerstand der Arbeiterbewegung; der literarischen Staatsdoktrin des ‚sozialistischen Realismus‘ genügt er (noch) nicht. (Carola Hilmes)

Erscheinungsjahr: 1949

Begriff: Arbeit, Geschichte, Nationalsozialismus, Pseudonym, Realismus, realistisch, Roman, Vergangenheitsbewältigung

Veza Canetti (geb. Venetiana Taubner-Calderon, 1897–1963): Die Schildkröten

Der autobiografische Bezüge aufweisende Exilroman behandelt das Schicksal des jüdischen Ehepaars Eva und Andreas Kain nach dem Anschluss Österreichs. Vor der Drohkulisse antisemitischer Ausschreitungen sind der Umgang mit dem Verlust der Heimat und die Bewahrung menschlicher Würde zentrale Themen. Zwischen szenischen Passagen und Anklängen an die chassidische Erzähltradition changierend, wirft der Roman die Frage nach adäquaten Erzähl- und Schreibstrategien, in Zeiten von Verfolgung und Flucht, auf. (Johanna Baumgardt)

Erscheinungsjahr: 1938/1999

Begriff: Antisemitismus, autobiografisch, Ehe, Exil, Flucht, Heimat, Nationalsozialismus, Posthum, Roman

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