Gegenwartsliteratur

Mirrianne Mahn (*1989): Issa (2024)

Der Roman erzählt aus Schwarzer weiblicher Perspektive eine kamerunisch-deutsche Familiengeschichte vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. 2006 reist die schwangere Issa aus Frankfurt in ihre Geburtsstadt Buea, wo sie sich mit ihrer Herkunft und Identität auseinandersetzt. In ihre Ich-Erzählung sind die Geschichten ihrer Vorfahrinnen über koloniale und patriarchale Gewalt sowie Heilung, Resilienz, Selbstbestimmung und Solidarität eingebettet. (Sandra Folie)

Erscheinungsjahr: 2024

Begriff: Familienroman, Gegenwartsliteratur, Gender, Identitätssuche, intersektionaler Feminismus, Kamerun, Kolonialismus, Mutterschaft, Patriarchat, Rassismus, Schwarze deutsche Literatur, Transkulturalität, Trauma

Abdulrazak Gurnah (*1948): Afterlives / Nachleben

Der historische Roman erzählt die verbundenen Lebensgeschichten verschiedener ostafrikanischer Charaktere von der deutschen Kolonialherrschaft bis nach der Unabhängigkeit Tansanias. Der Literaturnobelpreisträger Gurnah bietet eine komplexe Entgegnung auf eurozentrische Darstellungen des Kolonialismus und der Weltkriege und hinterfragt den Mythos des treuen Askari, ohne die afrikanische Gesellschaft zu idealisieren. (Sandra Folie)

Erscheinungsjahr: 2020 (engl. Original); 2022 (dt. Übersetzung von Eva Bonné)

Begriff: afrikanische Literatur, Übersetzung, Askari, Erinnerung, Gegenwartsliteratur, historischer Roman, Identität, Kanon-Referenzen (Schiller und Heine), Kolonialismus, Tansania, Trauma (-Transmission)

Ronya Othmann (*1993): Vierundsiebzig

In diesem Roman setzt sich Othmann mit dem 74. Genozid an der jesidischen Bevölkerung in Shingal auseinander, der im August 2014 vom sogenannten Islamischen Staat verübt wurde. Sie unternimmt Reisen zu den Tatorten, besucht Flüchtlingslager und Frontlinien, führt Gespräche mit Überlebenden und Angehörigen und verknüpft diese Eindrücke mit ihrer eigenen Familiengeschichte. Dabei reflektiert sie über die Herausforderungen, für das Unaussprechliche Worte zu finden, und thematisiert die Grenzen der Sprache angesichts solcher Gräueltaten. (Dîlan Çakir)

Erscheinungsjahr: 2024

Begriff: Gegenwartsliteratur, Genozid, Gewalt, Reiseroman

Fatma Aydemir (*1986): Dschinns

Aydemirs zweiter Roman erzählt die Geschichte einer deutsch-kurdischen Kernfamilie aus der Perspektive ihrer sechs Mitglieder. Diese treffen nach dem tödlichen Herzinfarkt des Ehemanns/Vaters Hüseyin Yılmaz in dessen zum Ruhestand angeschaffter Eigentumswohnung in Istanbul zusammen und blicken auf ihre je eigenen, durch u.a. Alter, Geschlecht und Sexualität geprägten, (Post-)Migrationserfahrungen zurück. (Sandra Folie)

Erscheinungsjahr: 2022

Begriff: Familienroman, Gastarbeit, Gegenwartsliteratur, Gender, Geschichte, Gesellschaftsroman, Homophobie, Migration, Postmigrantische Literatur, Rassismus, Roman, Sexismus

Shida Bazyar (*1988): Drei Kameradinnen

Bazyars zweiter Roman kreist um die drei Freundinnen und Frauen of Colour Saya, Hani und Kasih, die in einer deutschen Siedlung am Stadtrand aufgewachsen sind. Ihre gemeinsame, von Erfahrungen mit mehrfacher Diskriminierung geprägte Geschichte wird von der unzuverlässigen, die (weißen) Leser:innen wiederholt adressierenden Ich-Erzählerin Kasih niedergeschrieben. Im Zentrum stehen rechter Terror, weiße Erwartungshaltungen und Täter:innen-Opfer-Umkehr. (Sandra Folie)

Erscheinungsjahr: 2021

Begriff: Gegenwartsliteratur, Gender, Geschichte, kritisches Weißsein, Migration, Postmigrantische Literatur, Rassismus, Roman, Sexismus

Marlene Streeruwitz (*1950): Festspiele 2023. Falstaff

Streeruwitz‘ Essay-Dramolett modelliert die Begegnung eines geschichtsträchtigen Männer-Trios: Der misogyne Influencer Andrew Tate und der ehemalige US-Präsident Donald Trump überbieten sich beim Dinner in atavistischen Geschlechterphantasien, als ihr Kellner fungiert kein Geringerer als der Shakespear‘sche Antiheld Sir Falstaff. Das Minidrama erschien im Programmheft der gleichnamigen Verdi-Oper im Rahmen der Salzburger Festspiele und zeigt, wie österreichischer Kulturbetrieb, Patriarchat und Kapitalismus miteinander verwoben sind. Es lässt sich als Beitrag zum Diskurs um toxische Männlichkeit wie auch als Kritik an einem überholten Kulturbetrieb lesen. (Christina Templin)

Erscheinungsjahr: 2023

Begriff: Gegenwartsliteratur, Gender, Kulturkritik, Männlichkeit, Misogynie, Postdramatik, Sexismus

Kim de L’Horizon (*1992): Blutbuch

Der autofiktionale Roman handelt von der Suche einer non-binären Hauptfigur nach einer eigenen Geschichte und Identität, die sich inhaltlich in einer Beschäftigung mit Fragen der Herkunft (frauenbasierte Stammbäume, u.a. Hexen- und Baumchroniken, Bildungs(un)gerechtigkeit und emanzipatorisches Schreiben) und formal als fluider, mehrsprachiger ,Textkörper‘ manifestiert. (Natalie Moser)

Erscheinungsjahr: 2022

Begriff: Autofiktion, autofiktional, Bildung, Familienroman, Gegenwartsliteratur, Gender, Geschichte, Identitätssuche, Körper, Non-Binarität, Roman, Sexismus

Olivia Wenzel (*1985): 1000 Serpentinen Angst

Wenzels Debutroman handelt von einer Schwarzen ostdeutschen Mittdreißigerin, die sich von einem Zusammenbruch erholt. Sie blickt, oft mittels Selbstbefragung, auf ihr Leben – das Aufwachsen bei ihrer Großmutter in Thüringen, die Abwesenheit ihrer Eltern, Mikroaggressionen, den Suizid ihres Zwillingsbruders, gescheiterte Beziehungen… – und reflektiert dabei auch eigene Privilegien. (Sandra Folie)

Erscheinungsjahr: 2020

Begriff: Angststörung, Autofiktion, Bisexualität, Gegenwartsliteratur, Identitätssuche, Rassismus, Roman, Schwangerschaft, Schwarze deutsche Literatur, Sexismus

Dorothee Elmiger (*1985): Aus der Zuckerfabrik

Der essayistische Text thematisiert anhand von biografischen Szenen Herkunft, insbesondere Rassismus, Klassismus und Sexismus. Reflexionen über die Konvergenz von ge- und erfundenen Stoffen und von theoretischen und literarischen Aufzeichnungen sowie über subjektzentriertes Erzählen geben den Rhythmus des nicht plotorientierten, episodischen Textes über „Zucker, LOTTO, Übersee“ vor. (Natalie Moser)

Erscheinungsjahr: 2020

Begriff: Essay, Gegenwartsliteratur, Gender, Kolonialismus, Rassismus, Sexismus

Marion Poschmann (*1969): Nimbus

Der Gedichtband enthält unterschiedliche lyrische Formate (u.a. Oden und Sonette), die alltägliche, philosophische und naturwissenschaftliche Wahrnehmungs- und Darstellungsmuster verbinden. In der Tradition des Nature Writings stehend verhandeln sie mittels inhaltlicher, sprachlicher und begrifflicher Kontrastierungen und Überblendungen das Verhältnis von Mensch und Natur. (Natalie Moser)

Erscheinungsjahr: 2020

Begriff: Anthropozän, Gegenwartsliteratur, Lyrik, Nature Writing, Wissenschaft

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