Naturalismus

Ilse Frapan (1849–1908): In der Stille. Novellen und Skizzen. 

Zwei Novellen zeigen Probleme von bürgerlichen Frauen um 1900: In „Sie“ wird Sophie Witwe und freut sich, endlich frei zu sein von ihrem tyrannischen, antifeministischen Mann. Sie findet einen Brief seiner Pariser Mätresse, die ihn um Geld bitte. Sophie schickt ihr das Geld, zusammen mit einer Abrechnung gegen ihren verstorbenen Mann und appelliert so an die weibliche Solidarität. In „Abgründe“ geht es um die berühmte Schauspielerin Senta: Sie liebt Rudolf, der zwar als sanfter Mann auftritt, sie aber in der Ehe von ihrem Beruf „erlösen“ will. Sie will ihn verlassen, um wieder frei und selbständig zu sein. Schließlich stürzt er sich in einen Abgrund, weil er glaubt, dass sie ihn nicht mehr liebe. Sie lebt weiter frei. Beide Texte zeigen starke Frauen, denen es gelingt, sich gegen die Erwartungen ihrer Umwelt durchzusetzen.  (Annette Kliewer)

Erscheinungsjahr: 1897

Begriff: Beruf, Berufstätigkeit, Brief, Ehe, Geld, Jahrhundertwende, Liebe, Naturalismus, Novelle, Novellen

Ilse Frapan (1849–1908): Wir Frauen haben kein Vaterland. Monologe einer Fledermaus. 

In dieser Erzählung geht die Rechtsstudentin Lilie Halmschlag aus einer reichen Hamburger Familie nach Zürich, weil sie nur dort Jura studieren kann. Sie möchte Anwältin für Frauen werden. Mehr und mehr leidet sie aber unter Geldsorgen, nachdem ihre Stiefmutter sie nicht mehr von ihrem Haushaltsgeld finanzieren kann. Schließlich beendet Lilie das Studium und geht in der Fabrik arbeiten. Frapan zeigt, welche Probleme die ersten Studentinnen antrieben: Finanzielle Nöte, Ablehnung durch die Familie und die Gesellschaft, Selbstzweifel waren meist stärker als die Aufbruchsfantasien. (Annette Kliewer)

Erscheinungsjahr: 1899

Begriff: Arbeit, Beruf, Erzählung, Familie, Frauenstudium, Geld, Naturalismus, Studium

Ilse Frapan (1849–1908): Die Retter der Moral.

Ilse Frapan treibt in diesem Drama die Kritik an der patriarchalen Logik in Gesetz, Politik und Gesellschaft auf die Spitze. Die „Retter der Moral“ sind eigentlich Männer ohne Moral, die vor nichts zurückschrecken. Der Text nimmt einen Hamburger Polizeiarzt in den Fokus. Erst verführt er eine verheiratete Frau, die stirbt, als sie ihn bei der Polizei erkennt. Danach treibt er seine eigene Tochter in die Prostitution, um mit ihr zu schlafen. Das Mädchen ertränkt sich, ihre Schwester bringt den Vater bei einem Maskenfest um. (Annette Kliewer)

Erscheinungsjahr: 1905

Begriff: Doppelmoral, Drama, Naturalismus, Politik, Prostitution, Sexualität

Juliane Dery (1864–1899): D’Schand. Volksstück in sechs Bildern.

Marie, die Tochter eines Schlossermeisters, wird von dem reichen Georg verführt und bekommt ein Kind von ihm. Eigentlich sollte Georg für seinen Freund, den Kunstschlosser Urban, um sie werben. Urban will sie nun nicht mehr heiraten, weil sie uneheliche Mutter ist. Erst als das Kind stirbt, ist ihre Ehre wiederhergestellt („ein tot’s Kind schreit net“). Das naturalistische Dialektstück verdeutlicht die Situation der unehelichen Mutter, die trotz Liebe nicht geheiratet werden kann. (Annette Kliewer)

Erscheinungsjahr: 1894

Begriff: Dialekt, Drama, Ehe, Kunst, Liebe, Naturalismus, Sexualität, Uneheliche Mutterschaft

Anna Croissant-Rust (1860–1943): Der Bua. Oberbayrisches Volksdrama in 4 Akten.

In diesem naturalistischen Dialektdrama kritisiert die Autorin, was sich Frauen von einem Mann gefallen lassen: Igreis Adoptivmutter Traudl möchte ihm all ihren Besitz vermachen, obwohl er sich ihr gegenüber oft danebenbenimmt. Die wohlhabende Bauerntochter Resei und die arme Nanei sind beide schwanger von ihm, er möchte sie beide um sich haben. Als Igrei Traudl erschlägt, die ihn kritisiert, ersticht ihn sein Adoptivvater. Die Autorin gehörte zur Münchner Naturalistenszene und schildert hier das bäurische Milieu als gewaltbestimmt und patriarchal. (Annette Kliewer)

Erscheinungsjahr: 1897

Begriff: Bauern-Milieu, Bayern, Dialekt, Drama, Gewalt, Naturalismus, Patriarchat

Helene Böhlau (verh. al Raschid Bey, 1856–1940): Halbtier!

Der Emanzipationsroman schildert die Versuche der Protagonistin nach Selbstbestimmung als Frau und Künstlerin und rechnet mit patriarchalen Geschlechterverhältnissen ab. Zentral ist die Darstellung von gewaltvollen Familienstrukturen, die vor allem anhand der Figuren der Schwester und der Mutter vorgeführt werden. Teile des Manuskripts mussten aufgrund der Drastik der Schilderungen von u.a. Geburt auf Wunsch des Verlegers gestrichen werden. (Marcella Fassio)

Erscheinungsjahr: 1899

Begriff: Emanzipation, Familie, Geburt, Gewalt, Künstlertum, Mutterschaft, Naturalismus, Roman, Selbstbestimmung, sexuelle Gewalt

Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916): Das Gemeindekind

Von der Autorin als Erzählung kategorisiert, weist sie zugleich Elemente einer Novelle, des Bildungsromans und des Krimis auf. Am Beispiel des Gemeindekinds Pavel Holub wird über einen Zeitraum von zehn Jahren (1860-1870) beobachtet, inwiefern ein schwer stigmatisierter Jugendlicher die Vorurteile der Gesellschaft und sein problematisches Milieu überwinden kann. Das Wunder, das Ebner-Eschenbach inszeniert: Es kann klappen, ungeachtet einer verurteilungswütigen Masse und maroder karitativer Institutionen (vor allem der Kirche). Psychologisch versiert und in Teilen von einem düsteren Naturalismus durchwoben, reflektiert die Erzählung über Aufstiegschancen unter den denkbar schlechtesten Bedingungen, wobei im Individuellen stets Hoffnung liegt – sowohl als Hilfe von Einzelnen als auch in Form von komplexen psychologischen Wendungen. (Raphael Stübe)

Erscheinungsjahr: 1887

Begriff: Bildung, Bildungsroman, Diskriminierung, Erzählung, Familie, Milieustudie, Naturalismus, Novelle, Realismus, Roman, Stereotype, Trauma

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