Das ist die Lückenliste.

Ein Projekt von #breiterkanon

Aktuell: Rote Bücher an verschiedenen Stellen in den Beständen der Stabi in Berlin fordern „Zieh mich raus!“, „Öffne mich!“ und verlinken zu Texten der Lückenliste (April 2025)

Herzlich willkommen! Die Lückenliste ist eine Einladung, Texte zu entdecken, die es lohnt, zu lesen. Es sind Texte, die in der Schule, an Universitäten, in der Literaturgeschichte und auf Leselisten selten vorkommen – es sind Lücken im Kanon. Die kurzen Textvorstellungen stammen von Mitgliedern und Freund:innen des Netzwerks #breiterkanon. Sie geben Hinweise darauf, warum diese Texte lesenswert sind, aber auch dazu, warum sie „vergessen“ und verdrängt wurden.

Die Lückenliste ist unabgeschlossen und hat selbst Lücken – sie soll weiter wachsen. Ergänzungsvorschläge sind willkommen!

Mechthild von Hackeborn (1241–1299): Buch der besonderen Gnade

Der lateinische Liber specialis gratiae dokumentiert von zwei Mitschwestern geschriebene (brautmystische) Visionen und Offenbarungen der Kantorin und Novizenlehrerin Mechthild von Hackeborn aus dem Zisterzienserkloster Helfta. Das Buch enthält je nach Fassung zwischen 5 oder 7 Teile, die je einzelne thematische Schwerpunkte setzen (Gotteslob, Tod und Jenseits). Bezüge zur monastischen Liturgie von Messe und Stundengebet sind dabei zentral. Der Text ist in Mittelalter und Früher Neuzeit weit verbreitet und ein wichtiger Bezugspunkt für die Herz-Jesu-Verehrung. (Caroline Emmelius)

Erscheinungsjahr: in Helfta vor 1300 entstanden; die ältesten Abschriften datieren in das 14. Jh.

Begriff: Brautmystik, Frauenmystik, Gotteslob, Herz-Jesu-Verehrung, Jenseits, Kloster, kollektive Autorschaft, Kommentar, Liturgie, Tod, Visionsliteratur

Chantal-Fleur de Sandjon (*1984): Die Sonne so strahlend und Schwarz

Versroman aus der Ich-Perspektive der afrodeutschen Jugendlichen Nova, die mit ihrer Mutter und ihrem Halbbruder vor dem gewalttätigen Stiefvater flüchtet und aufgrund ihrer Hautfarbe sowie der gleichgeschlechtlichen Liebe zur Hip-Hop-Tänzerin Akoua vielfach Diskriminierung erfährt. Kreative Sprach- und Formspiele veranschaulichen die komplexe Gefühlswelt der Protagonistin im Rahmen der lyrischen Textabschnitte. (Sarah Thiery)

Erscheinungsjahr: 2022

Begriff: Adoleszenz, Freundschaft, Gender, häusliche Gewalt, Liebe, Rassismus, Versroman

Fatma Aydemir (*1986): Doktormutter Faust

Aydemirs erstes Theaterstück setzt zentrale Elemente aus Goethes Faust I zu einer Geschichte über Macht- und Identitätsdiskurse im 21. Jahrhundert neu zusammen. Margarete Faust, Professorin für Gender Studies, stürzt angesichts einer rechtspopulistischen Regierungspolitik in eine Lebenskrise und geht daher einen Pakt mit dem Teufel ein. In Folge missbraucht sie ihre professorale Macht gegenüber einem Studenten. (Christina Templin)

Erscheinungsjahr: 2024

Begriff: Abtreibung, Feminismus, Gender, Identität, Machtmissbrauch, Patriarchat, Rechtspopulismus

Regula von Lichtenthal (15. Jh.): Leben Jesu, Elsässische Legenda Aurea

Die Schreibtätigkeit Regulas, einer Zisterzienserin des Klosters Lichtenthal, reicht über die Übersetzung und Kompilation meist hagiographischer Texte hinaus. Ihre redigierenden Eingriffe werden unter anderem im „Leben Jesu“, einer Übersetzung der „Vita Christi“ Michaels von Massa, sowie in der Bearbeitung der „Elsässischen Legenda Aurea“ (um 1450–1460er Jahre), eines Frauenlegendars, deutlich. (Marie-Theres Nachtmann)

Erscheinungsjahr: 1450/1460

Begriff: (weibliche) Autorschaft, Übersetzung, Gott, Kompilation, Religion

Elsbeth Stagel (gestorben um 1360): Tösser Schwesternbuch

Das „Tösser Schwesternbuch“ beinhaltet die Viten von 33 Dominikanerinnen des Klosters Töss und dient als Sammlung von Exempla einer christlichen Lebensführung. Der Autorschaftsfiktion zufolge wurde sie von Elsbeth Stagel verfasst. Tatsächlich geht das Schwesternbuch auf einen kollektiven Schreibprozess mehrerer Autorinnen des 14. und 15. Jahrhunderts zurück. (Marie-Theres Nachtmann)

Erscheinungsjahr: 14. und 15. Jh

Begriff: (weibliche) Autorschaft, Frauenmystik, Gott, Mehrautorenschaft, Mystik, Religion

August Heinrich Julius Lafontaine (1758–1831): Clara du Plessis und Clairant: Eine Familiengeschichte französischer Emigrierten

Dieser Briefroman thematisiert die französische Emigration am Ende des 18. Jahrhunderts. Im Zentrum der Handlung steht die Liebesgeschichte zwischen Clara und Clairant, zwei Liebende, die durch die Revolution getrennt wurden. Die junge Adlige Clara, die mit ihrem Vater nach Koblenz flieht, vermittelt in ihren Briefen einen Einblick in das Leben französischer Emigrantenkreise im deutschsprachigen Raum, während Clairant die politischen und sozialen Konflikte in Frankreich aus seiner Perspektive schildert. (Larissa de Assumpҫão)

Erscheinungsjahr: 1794

Begriff: Briefroman, Emigration, Empfindsamkeit, Französische Revolution, Geschichte, Liebe

August Heinrich Julius Lafontaine (1758–1831): Leben und Thaten des Freiherrn Quinctius Heymeran von Flaming

Die Werke von August Lafontaine setzen sich intensiv mit Themen seiner Zeit – wie der Anthropologie und der Philosophie der Spätaufklärung – auseinander. Dieser Roman befasst sich mit wissenschaftlichem Rassismus anhand des Gegensatzes zwischen zwei Hauptfiguren: einem Baron, der – als Adept einer anthropologisch fundierten Rassenkunde – seine Theorie über die Überlegenheit bestimmter Rassen beweisen möchte, und einer jungen Frau abessinischer Herkunft und muslimischer Religion, die sich dieser Ansicht entgegenstellt und im Verlauf des Romans zunehmend an Bedeutung gewinnt. (Larissa de Assumpҫão)

Erscheinungsjahr: 1795–1796

Begriff: Erziehung, Rassismus, Satire, soziale Konflikte, Spätaufklärung, Wissenschaft

Irmgard Keun (1905–1982): D-Zug dritter Klasse

Der am wenigsten beachtete Exil-Roman Keuns lässt in einem Nachtzug sieben Figuren aufeinandertreffen und erzählt nacheinander deren sich kreuzende Lebenswege. Der Text reflektiert zentral Rollenbilder und -Klischees. Dargestellt werden die mit Weiblichkeit verbundenen Zwänge und Möglichkeiten, diesen durch Täuschung (Lügen, Finten) zu entkommen. Dem gegenüber steht die durch Alkohol verstärkte Gewalt toxischer Männlichkeit und deren fatale Folgen. Düstere Kulisse der Handlung ist die politische Realität in Nazi-Deutschland. (Sebastian Schönbeck)

Erscheinungsjahr: 1938

Begriff: Alkohol, Exil, Gewalt, Männlichkeit, Nationalsozialismus, Rollenbilder, Weiblichkeit

Ruth Rehmann (1922-2016): Illusionen

Dieser Büroroman ist auf vier Personen fokussiert: einen jungen Familienvater und vier Frauen unterschiedlichen Alters. Erzählt wird von ihren Erwartungen an das Leben, von Hoffnungen und Enttäuschungen. Die sechzigjährige Chefsekretärin wird für sie völlig überraschend gekündigt, was sie völlig aus der Bahn wirft, anders als ihre Erfahrungen aus dem Krieg. Geboten wird ein an Einzelschicksalen festgemachtes auf ein Wochenende konzentriertes kritisches Gesellschaftsporträt. (Carola Hilmes)

Erscheinungsjahr: 1959; Neuauflage 2022 (Aviva Verlag; Berlin)

Begriff: Alltagsgeschichte der 1950er Jahre, Angestelltenroman, Gesellschafts- und Geschlechterkritik, Gruppe 47

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