Autorenname: Esther Koehring

Gertrud von Helfta (1256–1301/2): Gesandter der göttlichen Liebe

Die im Kloster Helfta wirkende Gertrud verfasste Buch II des mittellat. Legatus Divinae Pietatis (‚Gesandter der göttlichen Liebe‘) eigenhändig, während die anderen vier Bücher von einer Mitschwester – Bücher III-V vermutlich auch nach Diktat durch Gertrud ‒ aufgeschrieben wurden. Der Text enthält Berichte über Gertruds mystische Visionserfahrungen, Dialoge mit Gott sowie Reflexionen besonders über die göttliche Liebe, mit allgegenwärtigem Bezug zum Motiv des Herzens. Übersetzung ins Deutsche im 15. Jh. (Botte der götlichen miltekeit). (Julia Rüthemann)

Erscheinungsjahr: entstanden 1289/1300-01; lat. Druckausgabe 1536 (durch den Kartäuser Johannes von Lansperg)

Begriff: (weibliche) Autorschaft, Frauenmystik, göttliche Liebe, Gertrud die Große, Herz, Herz-Jesu-Verehrung, Kloster Helfta, Mehrautorenschaft, Visionsliteratur

Margareta Ebner (um 1291–1351): Offenbarungen

Die aus Mödingen stammende Dominikanerin gilt als herausragende Mystikerin des 14. Jahrhunderts. Ihr gesamtes Werk, bestehend aus den „Offenbarungen“, dem „Paternoster“ und dem Briefwechsel mit Heinrich von Nördlingen, ist in Handschriften überliefert, die teilweise bereits um 1353 entstanden sind. Diese Texte brechen mit hagiographischen Konventionen und markieren durch ihre reflektierte Ich-Perspektive sowie die radikale Deutung von Krankheit als compassio Christi eine literarisch eigenständige weibliche Subjektivität. (Clara-Maria Bauman)

Erscheinungsjahr: 1. Hälfte 14. Jahrhundert

Begriff: Frauenmystik, Gnadenvita, Gottesfreunde, Heinrich von Nördlingen, Klosterleben, Passionsmystik, Schmerz, Visionen

Eleonore von Österreich (um 1433–1480): Pontus und Sidonia

Der Prosaroman liegt in drei Fassungen vor, wobei nur Fassung A aufgrund der Vorrede Eleonore von Österreich als Autorin zugeschrieben wird. Der Roman überzeugt durch sprachliche Präzision, klaren Stil und konsequente Handlungskonstruktion. Er erzählt die Geschichte des idealen Ritters Pontus, der durch die Heiden sein christliches Königreich Galicia verliert. Am Hof des Königs von Klein Britania gewinnt er die Liebe der Königstochter Sidonia. Nach diversen Prüfungen kommt es zur Eheschließung mit Sidonia, zur Rückeroberung seines Landes von den Heiden und der Machtübernahme in Klein Britania. Vorlage ist der frz. Text Ponthus et la belle Sidoyne, eine wahrscheinlich von Geoffrey de la Tour Landry Ende des 14. Jhd. verfasste Prosabearbeitung der anglonormannischen Chanson de geste von Horn et Rimenhild (um 1180). (Pia Selmayr)

Erscheinungsjahr: 1483 bei Hans Schönsperger in Augsburg gedruckt (Fassung A); bis ins 18. Jhd. immer wieder neu aufgelegt

Begriff: (weibliche) Autorschaft, Übersetzung, Chanson de geste, Ehe, Familie, Französisch, Kampf gegen Andersgläubige, Liebe, Prosa, Prosaepos, Religion, Ritterroman

Mechthild von Hackeborn (1241–1299): Buch der besonderen Gnade

Der lateinische Liber specialis gratiae dokumentiert von zwei Mitschwestern geschriebene (brautmystische) Visionen und Offenbarungen der Kantorin und Novizenlehrerin Mechthild von Hackeborn aus dem Zisterzienserkloster Helfta. Das Buch enthält je nach Fassung zwischen 5 oder 7 Teile, die je einzelne thematische Schwerpunkte setzen (Gotteslob, Tod und Jenseits). Bezüge zur monastischen Liturgie von Messe und Stundengebet sind dabei zentral. Der Text ist in Mittelalter und Früher Neuzeit weit verbreitet und ein wichtiger Bezugspunkt für die Herz-Jesu-Verehrung. (Caroline Emmelius)

Erscheinungsjahr: in Helfta vor 1300 entstanden; die ältesten Abschriften datieren in das 14. Jh.

Begriff: Brautmystik, Frauenmystik, Gotteslob, Herz-Jesu-Verehrung, Jenseits, Kloster, kollektive Autorschaft, Kommentar, Liturgie, Tod, Visionsliteratur

Das ist die Lückenliste.

Ein Projekt von #breiterkanon

Aktuell: Rote Bücher an verschiedenen Stellen in den Beständen der Stabi in Berlin fordern „Zieh mich raus!“, „Öffne mich!“ und verlinken zu Texten der Lückenliste (April 2025)

Herzlich willkommen! Die Lückenliste ist eine Einladung, Texte zu entdecken, die es lohnt, zu lesen. Es sind Texte, die in der Schule, an Universitäten, in der Literaturgeschichte und auf Leselisten selten vorkommen – es sind Lücken im Kanon. Die kurzen Textvorstellungen stammen von Mitgliedern und Freund:innen des Netzwerks #breiterkanon. Sie geben Hinweise darauf, warum diese Texte lesenswert sind, aber auch dazu, warum sie „vergessen“ und verdrängt wurden.

Die Lückenliste ist unabgeschlossen und hat selbst Lücken – sie soll weiter wachsen. Ergänzungsvorschläge sind willkommen!

Ronya Othmann (*1993): Vierundsiebzig

In diesem Roman setzt sich Othmann mit dem 74. Genozid an der jesidischen Bevölkerung in Shingal auseinander, der im August 2014 vom sogenannten Islamischen Staat verübt wurde. Sie unternimmt Reisen zu den Tatorten, besucht Flüchtlingslager und Frontlinien, führt Gespräche mit Überlebenden und Angehörigen und verknüpft diese Eindrücke mit ihrer eigenen Familiengeschichte. Dabei reflektiert sie über die Herausforderungen, für das Unaussprechliche Worte zu finden, und thematisiert die Grenzen der Sprache angesichts solcher Gräueltaten. (Dîlan Çakir)

Erscheinungsjahr: 2024

Begriff: Gegenwartsliteratur, Genozid, Gewalt, Reiseroman

Marianne Ehrmann (1755–1795): Amaliens Erholungsstunden. Teutschlands Töchtern geweiht.

Zeitschrift in vier Bänden mit breitem thematischem Spektrum und Genrevielfalt, in der sich Ehrmann der Unterhaltung und Bildung eines weiblichen Lesepublikums widmet. Dabei überschreitet Ehrmann Gendernormen des 18. Jahrhunderts, indem sie zeigt, dass auch eine Schriftstellerin „die Geißel der Satire“ schwingen kann. (Natalie Sauer)

Erscheinungsjahr: 1790

Begriff: Aufklärung, Frauen im 18. Jahrhundert, Satire, weibliche Bildung, Zeitschrift

Caroline Auguste Fischer (geb. Venturini, 1764–1842): Prinz Kanzedir

Das romantische Kunstmärchen erzählt von der Liebe des Prinzen Kanzedir für die vergebene Abenza. Besonders handlungslenkend ist hierbei die Fee Panagathe, die das Verhalten Kanzedirs als engstirnig offenbart. Das Werk thematisiert Schlaf und Traum als Quellen für Erkenntnis und Schaffenskraft, während es weiterhin etablierte Motive wie den Pygmalion-Mythos untergräbt. (Mathilda Herr)

Erscheinungsjahr: 1802

Begriff: Geschlechterrollen, Liebe, Märchen, Romantik

August von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772–1822): Emilie

Herzogin Emilie hat nach Jahren in Exil und Gefangenschaft ihr fürstliches Recht wiedererlangt. War bis dahin ihr einziger Halt die Korrespondenz mit ihrem Jugendfreund Xavier, muss sie nun feststellen, dass seine Zuneigung nicht ihrer Person, sondern nur seiner eigenen Fantasievorstellung von ihr galt. Der Roman hinterfragt die Humanität männlicher Wertvorstellungen und Weltentwürfe. (Vera Faßhauer)

Erscheinungsjahr: 1813–1821 (Manuskript; Digitalisat der Forschungsbibliothek Gotha)

Begriff: Briefroman, Geschlechterrollen, Manuskript, Romantik

Sophie Tieck (verh. u. gesch. Bernhardi, verh. von Knorring, 1775–1833): Julie Saint Albain

Polyperspektivischer Briefroman, der empfindsame Topoi unter romantischen Vorzeichen aktualisiert. Die Entwicklung der titelgebenden Zentralfigur – die von empfindsamer Tugendhaftigkeit zu ehebrecherischer Liebe und nach etlichen Verwicklungen zurück in die Ehe führt – erkundet ein neues Liebeskonzept, in dem die hohe Bedeutung des Gefühls nicht mehr an Tugendforderungen geknüpft, sondern psychologisch motiviert wird. Befragt werden in der Vorstellung ganz unterschiedlicher weiblicher Lebensentwürfe tradierte Auffassungen von Liebe, Ehe, Familie und Bildung. Formal interessant ist die Verknüpfung der Briefform mit auktorial erzählten und dialogischen Einschüben. (Luisa Banki)

Erscheinungsjahr: 1801 anonym; Neuedition 2011

Begriff: Briefroman, Ehe, Ehebruch, Empfindsamkeit, Liebe, Romantik

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