Aktuell: Rote Bücher an verschiedenen Stellen in den Beständen der Stabi in Berlin fordern „Zieh mich raus!“, „Öffne mich!“ und verlinken zu Texten der Lückenliste (April 2025)
Herzlich willkommen! Die Lückenliste ist eine Einladung, Texte zu entdecken, die es lohnt, zu lesen. Es sind Texte, die in der Schule, an Universitäten, in der Literaturgeschichte und auf Leselisten selten vorkommen – es sind Lücken im Kanon. Die kurzen Textvorstellungen stammen von Mitgliedern und Freund:innen des Netzwerks #breiterkanon. Sie geben Hinweise darauf, warum diese Texte lesenswert sind, aber auch dazu, warum sie „vergessen“ und verdrängt wurden.
Der Roman erzählt aus Schwarzer weiblicher Perspektive eine kamerunisch-deutsche Familiengeschichte vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. 2006 reist die schwangere Issa aus Frankfurt in ihre Geburtsstadt Buea, wo sie sich mit ihrer Herkunft und Identität auseinandersetzt. In ihre Ich-Erzählung sind die Geschichten ihrer Vorfahrinnen über koloniale und patriarchale Gewalt sowie Heilung, Resilienz, Selbstbestimmung und Solidarität eingebettet. (Sandra Folie)
Der historische Roman erzählt die verbundenen Lebensgeschichten verschiedener ostafrikanischer Charaktere von der deutschen Kolonialherrschaft bis nach der Unabhängigkeit Tansanias. Der Literaturnobelpreisträger Gurnah bietet eine komplexe Entgegnung auf eurozentrische Darstellungen des Kolonialismus und der Weltkriege und hinterfragt den Mythos des treuen Askari, ohne die afrikanische Gesellschaft zu idealisieren. (Sandra Folie)
Der (halbfiktive) Briefroman umfasst insgesamt 13 Briefe der fiktiven Schreibinstanz Helene. Sie sind Bekenntnis, Auseinandersetzung und Konfrontation mit der Schuldfrage und der deutschen Gesellschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Briefe „irgendeine Berlinerin“ die sich bemüht, „innerhalb der gegebenen Situation über das politische Woher und Wohin Rechenschaft abzulegen“ (Vorbemerkung) sind an den fiktiven Adressaten Hans, einen jüdischen Freund im Exil, gerichtet. Dessen Perspektive bleibt ausgespart, die 13 Briefe sind monoperspektivisch angelegt. (Lena Bührichen)
Die im Kloster Helfta wirkende Gertrud verfasste Buch II des mittellat. Legatus Divinae Pietatis (‚Gesandter der göttlichen Liebe‘) eigenhändig, während die anderen vier Bücher von einer Mitschwester – Bücher III-V vermutlich auch nach Diktat durch Gertrud ‒ aufgeschrieben wurden. Der Text enthält Berichte über Gertruds mystische Visionserfahrungen, Dialoge mit Gott sowie Reflexionen besonders über die göttliche Liebe, mit allgegenwärtigem Bezug zum Motiv des Herzens. Übersetzung ins Deutsche im 15. Jh. (Botte der götlichen miltekeit). (Julia Rüthemann)
Die aus Mödingen stammende Dominikanerin gilt als herausragende Mystikerin des 14. Jahrhunderts. Ihr gesamtes Werk, bestehend aus den „Offenbarungen“, dem „Paternoster“ und dem Briefwechsel mit Heinrich von Nördlingen, ist in Handschriften überliefert, die teilweise bereits um 1353 entstanden sind. Diese Texte brechen mit hagiographischen Konventionen und markieren durch ihre reflektierte Ich-Perspektive sowie die radikale Deutung von Krankheit als compassio Christi eine literarisch eigenständige weibliche Subjektivität. (Clara-Maria Bauman)
Der Prosaroman liegt in drei Fassungen vor, wobei nur Fassung A aufgrund der Vorrede Eleonore von Österreich als Autorin zugeschrieben wird. Der Roman überzeugt durch sprachliche Präzision, klaren Stil und konsequente Handlungskonstruktion. Er erzählt die Geschichte des idealen Ritters Pontus, der durch die Heiden sein christliches Königreich Galicia verliert. Am Hof des Königs von Klein Britania gewinnt er die Liebe der Königstochter Sidonia. Nach diversen Prüfungen kommt es zur Eheschließung mit Sidonia, zur Rückeroberung seines Landes von den Heiden und der Machtübernahme in Klein Britania. Vorlage ist der frz. Text Ponthus et la belle Sidoyne, eine wahrscheinlich von Geoffrey de la Tour Landry Ende des 14. Jhd. verfasste Prosabearbeitung der anglonormannischen Chanson de geste von Horn et Rimenhild (um 1180). (Pia Selmayr)
Der lateinische Liber specialis gratiae dokumentiert von zwei Mitschwestern geschriebene (brautmystische) Visionen und Offenbarungen der Kantorin und Novizenlehrerin Mechthild von Hackeborn aus dem Zisterzienserkloster Helfta. Das Buch enthält je nach Fassung zwischen 5 oder 7 Teile, die je einzelne thematische Schwerpunkte setzen (Gotteslob, Tod und Jenseits). Bezüge zur monastischen Liturgie von Messe und Stundengebet sind dabei zentral. Der Text ist in Mittelalter und Früher Neuzeit weit verbreitet und ein wichtiger Bezugspunkt für die Herz-Jesu-Verehrung. (Caroline Emmelius)
Versroman aus der Ich-Perspektive der afrodeutschen Jugendlichen Nova, die mit ihrer Mutter und ihrem Halbbruder vor dem gewalttätigen Stiefvater flüchtet und aufgrund ihrer Hautfarbe sowie der gleichgeschlechtlichen Liebe zur Hip-Hop-Tänzerin Akoua vielfach Diskriminierung erfährt. Kreative Sprach- und Formspiele veranschaulichen die komplexe Gefühlswelt der Protagonistin im Rahmen der lyrischen Textabschnitte. (Sarah Thiery)
Aydemirs erstes Theaterstück setzt zentrale Elemente aus Goethes Faust I zu einer Geschichte über Macht- und Identitätsdiskurse im 21. Jahrhundert neu zusammen. Margarete Faust, Professorin für Gender Studies, stürzt angesichts einer rechtspopulistischen Regierungspolitik in eine Lebenskrise und geht daher einen Pakt mit dem Teufel ein. In Folge missbraucht sie ihre professorale Macht gegenüber einem Studenten. (Christina Templin)
Astons Gedicht verhandelt geschlechtsspezifische Codes und ist als kritischer Kommentar von Goethes „Heidenröslein“ zu lesen. Goethes „Röslein“ ersetzt Aston durch die titelgebende „wilde Rose“, die die gelungenen Emanzipation der Frau aus patriarchalen Strukturen symbolisiert. (Christina Templin)