Johanna Schopenhauer (1766–1838): Der Schnee

Die lange Erzählung lässt zwei Paare in den Unruhen der polnischen und italienischen Revolten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts agieren. Genau wie in Goethes Wahlverwandtschaften stehen sie zwischen Natur und Pflicht, Leidenschaft und Selbstopferung – aber in diesem höchst malerischen (und oft autobiografischen) Text sollen die biedermeierlichen Tugenden von Ordnung und Harmonie in einem versöhnlichen von Vernunft und Milde getragenen Familienglück siegen. Das liebende Paar findet den Tod im Montblanc-Gletscher: In der weißen Umhüllung der edlen, aber gesellschaftlich verbotenen, Gefühle liegt die Ruhe und das Glück. (Francesca Fabbri)

Erscheinungsjahr: 1829

Begriff: autobiografisch, Biedermeier, Ehe, Erzählung, Familie, Liebe, Tod

Claire de Duras (1777–1828): Ourika

Der kurze Roman ist einer der wenigen Texte der Restaurationszeit mit Schwarzer Protagonistin. Ourika wurde als Kind aus dem Senegal mitgenommen und in einer aristokratischen Familie zu Zeiten der Französischen Revolution aufgezogen. Im Jugendalter muss sie lernen, dass ihre Hautfarbe sie für immer daran hindern wird, ihren Platz in der höheren Gesellschaft zu finden und ihren Stiefbruder zu heiraten, den sie seit Kindertagen innig liebt. Er heiratet ein weißes, reiches Mädchen, woraufhin Ourika sich krank vor Kummer in ein Kloster zurückzieht, in dem sie bald stirbt. Der Roman kann als frühe Kritik an Rassismus gelesen werden und verdient seinen Platz in der französischen Literaturgeschichte. (Greta Lansen)

Erscheinungsjahr: 1825

Begriff: Alter, Familie, Französisch, Geschichte, Gesellschaftskritik, KZ, Literaturgeschichte, Rassismus, Revolution, Roman, sentimentaler Roman

Constance de Salm (1767–1845): Vingt-quatre heures d’une femme sensible

Die Protagonistin dieses kurzen Briefromans ist jung, verwitwet und wartet seit sechs Monaten auf die Hochzeit mit ihrem Geliebten, gegen die sich jedoch ihr Onkel stellt, der selbst in sie verliebt ist. Nachdem sie ein Gerücht hört, demzufolge ihr Geliebter eine andere liebt, schleicht sie sich heimlich in sein Appartement und sucht dort nach Beweisen – vergebens. Der Roman setzt sich aus 46 Briefen der Protagonistin an ihren Geliebten zusammen, die sie alle zurückfordert, als sie sich ihres Irrtums gewahr wird. Der Text besticht durch Leichtigkeit und Witz und könnte problemlos in die aktuelle Zeit übertragen werden. (Greta Lansen)

Erscheinungsjahr: 1824

Begriff: Brief, Briefe, Briefroman, Französisch, Humor, Irrtum, Roman, Sentimentalität

Johanna Schopenhauer (1766–1838): Die Tante

Der Roman besteht aus mehreren verschachtelten Erzählungen, die sich über das Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart spannen, und die ihren Ursprung in der Figur der titelgebenden Tante haben: Anna von Falkenheyn. Diese adlige Stiftsdame bildet das Zentrum des Romans: Sie stiftet Frieden in die von Kummer und Leidenschaft zerrüttenden Schicksale der Nichte Victorine und der Adoptivtochter Angelika; sie bringt Vernunft in den dickköpfigen Bruder (Vater von Victorine) und steuert klug und feinfühlig die Handlung der verschiedenen Protagonisten und den vielen Nebenfiguren, damit Shakespeares Zitat am Ende seine Verwirklichung finden kann: „All‘s well that ends well“. (Francesca Fabbri)

Erscheinungsjahr: 1823

Begriff: Erzählung, Erzählungen, Roman

Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848): Ledwina

Das posthum erschienene Prosafragment verhandelt Weiblichkeit, Tod und Krankheit, Poesie und Kreativität. Neben familiären Konversationsszenen stehen vor allem die gleichnamige moribunde, in Drostes Briefkommentaren als schwindsüchtig bezeichnete Protagonistin und ihre Visionen, Imaginationen und Träume im Fokus. Diese verweisen einerseits auf Bildwelten des Volksaberglaubens, andererseits rücken sie Ledwina in die Nähe zeitgenössisch populärer, ins literarische Gedächtnis eingegangene visionäre Kranke wie Anna Katharina Emmerick oder Friederike Hauffe. (Vanessa Höving)

Erscheinungsjahr: entstanden ab 1819

Begriff: Biedermeier, Brief, Ehe, Fragment, Imagination, Krankheit, Poesie, Posthum, Prosa, Tod, Weiblichkeit

Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848): Walther. Gedicht in sechs Gesängen

Das zu Lebzeiten unveröffentlichte Versepos ist der einzige abgeschlossene Text des Frühwerks. Es erzählt die mittelalterliche Familiengeschichte dreier Rittergenerationen und schließt an populäre Ritterdichtungen an, thematisiert insbesondere aber Krisen- und Traumanarrative von Familie, Genealogie und Männlichkeit. Die zum Versepos gehörigen Widmungsgedichte an Drostes Mutter und Tanten unternehmen auktoriale und poetologische Selbstsetzungen. (Vanessa Höving)

Erscheinungsjahr: 1818

Begriff: Alter, Biedermeier, Familie, Geschichte, Männlichkeit, Posthum, Trauma, Versepos

Caroline Auguste Fischer (geb. Venturini, 1764–1842): William der N.

Die Liebe eines Schwarzen zur Protagonistin der in Großbritannien angesiedelten Erzählung, Molly, wird hier strukturell in ein Spannungsverhältnis zum Abolitionismus einerseits und zur Haitianischen Revolution andererseits gesetzt: Ein europäischer Bildungsprozess ermöglicht William in eurozentrischer Diktion, sich an die Spitze der Haitianischen Revolution (die hinsichtlich ihrer konkreten Abläufe allerdings eine black box bleibt) zu setzen – doch um den Preis, der Realisierung seiner Liebe zur weißen Molly ‚freiwillig’ zu entsagen. Deutliche Sklavereikritik verbindet sich dabei mit einer Affirmation des Tabus sexueller Beziehungen zwischen Schwarzen Männern und weißen Frauen. (Florian Kappeler) (Anmerkung: Im Titel des Textes ist das N-Wort ausgeschrieben).

Erscheinungsjahr: 1817 (Zeitschriftenversion; in Novellensammlung 1818)

Begriff: Abolitionismus, Bildung, Erzählung, Haitianische Revolution, Liebe, rassistisches Sexualtabu, Revolution, Sklaverei

Regina Frohberg (geb. Rebecca Salomon, verheiratete Friedländer, später Saaling, 1783–1850): Schmerz der Liebe

Der Titel dieses ungewöhnlichen, sentimentalen Romans ist insofern wörtlich zu verstehen, als dass der Knotenpunkt der Erzählung die Vergewaltigung einer bewusstlosen jungen Frau ist. Der Roman zeichnet das tragische Schicksal der Protagonistinnen und des Protagonisten nach, die sich am Widerstreit zwischen Verlangen, Konvention und dem alles beherrschenden Wunsch nach Liebe aufreiben. (Greta Lansen)

Erscheinungsjahr: 1810

Begriff: Ehe, Erzählung, Geschlechterrollenkritik, Gewalt, Liebe, Roman, sentimentaler Roman, sexuelle Gewalt, Vergewaltigung

Amalie Berg (Pseudonym für Johanna Caroline Amalia Ludecus, geb. Kotzebue, 1755–1827): Johanne Gray. Trauerspiel in fünf Aufzügen

Das in jambischen Blankversen verfasste Historiendrama zeichnet das Schicksal der englischen Königin Johanne (Lady Jane Grey Dudley, 1537–1554) nach, die von ihrer Thronrivalin Maria Tudor (1516–1558) gestürzt und hingerichtet wird. In dem staatspolitisch und religiös begründeten Konflikt wird die glaubensstarke protestantische Titelheldin in ihrer menschlich-moralischen Charakterstärke und harmonischen Seelenschönheit gezeigt. Amalie Berg präsentiert eine komplexe Frauenfigur, die als Tochter, Gattin, Königin und entmachtete Herrscherin verschiedene gesellschaftliche Rollen ausfüllt und dabei auf eine selbstbestimmte Weise zu agieren bestrebt ist. Das Trauerspiel Johanne Gray ragt im Werk Amalie Bergs als das einzige Theaterstück der Weimarer Autorin hervor; seit 2022 liegt es in einer Neuedition vor. (Anna Ananieva)

Erscheinungsjahr: 1806

Begriff: Drama, Gericht, Geschichte, Politik, Pseudonym, Selbstbestimmung, Theater, Tod, weibliche Machtausübung

Karoline von Günderrode (1780–1806): Hildgund

Lesedrama, das die im Nibelungenstoff und in der Walthersage marginalisierte Burgundentochter Hildgund ins Zentrum der Handlung stellt und den Versuch der Protagonistin nachzeichnet, sich in einer patriarchalen Weltordnung gegen die (Diskurs-)Macht von Vater, Ehemann und Tyrann (Attila) zu behaupten; das Drama führt die gesellschaftlichen und politischen Zwänge vor Augen, die den Aktionsradius aller Dramenfiguren im Horizont (alt/väterlicher) Erb- und Ehrpflichten determinieren und lässt am Ende fragmentarisch offen, ob Hildgund sich selbst und die unterjochten Länder von Attilas Herrschaft durch ein Mordkomplott befreit. (Frederike Middelhoff)

Erscheinungsjahr: 1805

Begriff: Drama, Ehe, Fragment, Freiheit, Geschlechterrollenkritik, Gewalt, Politik, Romantik

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